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Durch das Torhaus von 1782 betritt man das Rittergut Schwicheldt

 

Bild: © Adolf Stephan

 

Von der Beständigkeit des Landlebens*

Graf und Gräfin Hardenberg sind Landfrau und Landwirt mit Leib und Seele. Bettina Zinter besuchte sie auf ihrem Rittergut Schwicheldt.

„Ich bin mit Leib und Seele Landfrau“, sagt Ulrike Gräfin von Hardenberg und nickt noch einmal bekräftigend. Und wie zum Beweis, dass Landfrauen (fast!) alles selbst machen, serviert sie Holunderblütensaft aus eigener Küche. Die köstliche Erfrischung weiß auch Ulrich Graf von Hardenberg zu schätzen, vor allem wenn er von der Feldarbeit nach Hause kommt. Auf Rittergut Schwicheldt, das sieben Kilometer entfernt von Peine an der Straße nach Hannover liegt, lebt man von der Landwirtschaft. Die rund 250 ha werden mit Zuckerrüben, Gerste und Weizen bewirtschaftet. Tagelang mit dem Traktor oder dem Schlepper fahren, dem Unkraut auf den Rübenfeldern zu Leibe rücken, Düngemittel ausbringen oder die Ernte einfahren. Ulrich Graf von Hardenberg bewältigt die ganze Arbeit mit zwei Mitarbeitern. Nur zu Stoßzeiten holt er sich Hilfe. Die Landwirtschaft ist sein Leben. „Bleibt beständig“ – der Spruch der Hardenbergs, der in französischer Sprache im Gittertor zum Gewölbe steht, hat sich auch auf das Ehepaar von Hardenberg festgeschrieben. Sie lieben ihr Land, das stattliche Gutshaus, den Park und alles, was zum Gut gehört, und können sich gar nicht vorstellen, woanders zu leben. Vor 30 Jahren zog Graf Hardenberg als junger Landwirt nach Schwicheldt. Das 1708 erbaute Gutshaus war heruntergekommen. Wenigstens existierten noch die schönen alten Eisenplatten in den Kaminen und die Stuckverzierungen in den hohen Räumen. Natürlich lagen die Leitungen wie Kraut und Rüben über Putz, das alte Eichenparkett hatte gelitten, die sanitären Anlagen waren in einem desolaten Zustand, die Fensterrahmen zerfressen und die Sandsteinplatten, die die Außenwände verkleideten, zerbrochen oder abgefallen. Als Ulrike nach Schwicheldt kam – sie hatte ihren Mann durch die Freundschaft zwischen beiden Elternhäusern kennen gelernt – waren die schlimmsten Schäden schon beseitigt. Schritt für Schritt, Zimmer für Zimmer ging die Feinarbeit weiter. Auch heute noch erfreut sich Ulrike von Hardenberg immer wieder an den klassischen Proportionen der Räume, an der klar gegliederten Architektur. In der Eingangshalle zeigt sie auf die drei auffallenden plastischen Männerköpfe. Vom Querbalken der Türrahmen, die mit Stuckgirlanden verziert sind, schauen sie fast warnend auf den Betrachter. Frau von Hardenbergs Blick fällt auf einen Barockschrank. Behutsam streicht sie über das Furnier und meint, dass dieses Möbelstück auch einmal in ihre Werkstatt müsste. Aber bevor es eine eigene Werkstatt geben konnte, standen ganz andere Aufgaben vor ihr. Zwei Söhne und eine Tochter wurden geboren und großgezogen. Weil sie eine Frau war, wollten die Männer nicht mit ihr über Getreidepreise verhandeln. Sie wollte und musste sich durchsetzen, damit der Gutsbetrieb lief. Ihr Mann hat ihr dabei den Rücken gestärkt. Nach und nach wurden Orangerie, Schlachterei und Gemeinschaftsküche zu Wohnungen umgebaut und vermietet. Das Kellergewölbe erhielt einen neuen Putz. Heizung, Bar und Spülküche kamen. „Ohne Werbung“, sagt Gräfin Hardenberg, „hat es sich herumgesprochen, dass man die Räumlichkeiten mieten und hier Hochzeiten, Geburtstage oder Taufen feiern kann.“ Dann hat Ulrike von Hardenberg es auch geschafft, sich eine eigene Werkstatt im alten Kuhstall einzurichten. Die drei Kinder, die heute in München, Hamburg und Leipzig studieren, waren fast flügge, da wollte sie das Restaurieren von alten Möbeln lernen. Jeden Tag die Fahrt nach Hannover. Wie ein Lehrling üben. Abbeizen, grundieren, polieren. Mit dem Werkstattleiter und Diplomrestaurator, der ihr alle Feinheiten beibrachte, hat sie sich später selbständig gemacht. „Wir sind ein gutes Team und arbeiten nach alter Handwerkstradition im Sinne des Originals. Poliert wird wie in früheren Zeiten! Dass wir mit einem guten Raumausstatter und einem Polsterer zusammenarbeiten, empfinden unsere Kunden als besonders angenehm.“ Ulrike von Hardenberg kann über Auftragsmangel nicht klagen. Gerade hat wieder ein neuer Akt auf Schwicheldt begonnen. Diesmal gilt er dem weitläufigen Park, in dem vor drei Jahren Gott sei Dank die seltene Federbuche und Federlinde einen fürchterlichen Sturm überlebten. Andere mächtige Bäume wurden entwurzelt. Einer zerschlug sogar das schmiedeeiserne Geländer der Terrasse. Die Hardenbergs haben das schreckliche Unwetter auch als Chance für einen Neuanfang verstanden. Jetzt entsteht ein barocker Küchengarten an einer Hausseite. Die Buchsbaumumrandung ist bereits tüchtig eingeschlämmt. Kräuter, Blumen, Rosen und Sträucher werden darin wachsen, blühen und gedeihen. Die Gräfin denkt manchmal an Bodo von Oberg, der das heutige Herrenhaus erbauen ließ. Das zweigeschossige, mit Schiefer und Sandsteinplatten behängte Fachwerkhaus ist sieben Fensterachsen breit und mit fünf Fensterachsen fast ebenso tief. Die Tiefe erlaubte es dem Bauherrn, im Anschluss an das Entrée einen schönen Gartensaal einzurichten. Zu Bodos Zeit hatten die Räume zum Teil eiserne Öfen mit Porzellanaufsätzen. An den Wänden hingen Gemälde – die vier damals bekannten Kontinente – und Wirkteppiche. Vom Gartensaal aus gelangt man auf die Terrasse, von der Bodo schon damals seinem Gartentraum freien Lauf ließ. Einzelne Quartiere waren mit Holzplanken eingefriedet, in denen beispielsweise auch Zwergbäume standen. Auch andere Obergs zeigten gestalterischen Elan. Benedikt Wilhelm beispielsweise baute 1782 das reizvolle Torhaus, legte einen Teich an und pflanzte eine Allee. Eine doppelläufige Treppe führt in den Park. Azurblauer Himmel wölbt sich über dem grünen Wasser des neu angelegten Teiches. „Bald blühen hier Seerosen, und auf der Wasserfläche spiegelt sich ein kleiner weißer Pavillon. Schöne Pflanzen werden die Blicke fesseln.“ Auch Gräfin Hardenberg träumt von ihrem kleinen Sanssouci. Und damit das Wirklichkeit wird, macht sich das Ehepaar voller Elan und Zuversicht an die schwere Gartenarbeit. Sie wollen ihren Kindern etwas hinterlassen, für das sich weiterer Einsatz lohnt. Wenn sich auch keines der Kinder bisher für die Landwirtschaft entschieden hat, sieht das Ulrich Graf von Hardenberg nicht weiter tragisch. Hier könnte man beispielsweise auch als Jurist arbeiten und einen Verwalter einsetzen, meint er ganz pragmatisch. Die kleine Schwester sollte den Verwalter heiraten, sagen die Söhne mit einem kleinen Augenzwinkern. Auch wenn die Kinder jetzt in alle Winde verstreut sind, sie kommen immer gern zurück. Die Freiheit, in der sie aufgewachsen sind, hat sie geprägt. Daran haben die Hardenbergs keinen Zweifel. Bleibt nachzutragen, dass noch eine Reihe von Vier- und Zweibeinern Gut Schwicheldt bevölkern. Ein paar Schweine müssen sich für die Hausschlachterei opfern, Heidschnucken dienen als Rasenmäher, ein arthrosekrankes Pferd wird liebevoll gepflegt, Tauben versammeln sich am Schlag, aus der Flugentenzucht der Hausherrin fällt gelegentlich ein Weihnachtsbraten an, und die drei Gutshunde genießen die täglichen Streicheleinheiten.

 

*Quelle: www.gruetter.de nobilis_0600_s80


 
 
 
   

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