Graf und Gräfin Hardenberg sind
Landfrau und Landwirt mit Leib und Seele. Bettina Zinter besuchte sie auf ihrem Rittergut
Schwicheldt.
„Ich bin mit Leib und Seele
Landfrau“, sagt Ulrike Gräfin von Hardenberg und nickt noch einmal bekräftigend.
Und wie zum Beweis, dass Landfrauen (fast!) alles selbst machen, serviert sie
Holunderblütensaft aus eigener Küche. Die köstliche Erfrischung weiß auch
Ulrich Graf von Hardenberg zu schätzen, vor allem wenn er von der Feldarbeit
nach Hause kommt. Auf Rittergut Schwicheldt, das
sieben Kilometer entfernt von Peine an der Straße nach Hannover liegt, lebt man
von der Landwirtschaft. Die rund 250 ha werden mit Zuckerrüben, Gerste und
Weizen bewirtschaftet. Tagelang mit dem Traktor oder dem Schlepper fahren, dem
Unkraut auf den Rübenfeldern zu Leibe rücken, Düngemittel ausbringen oder die
Ernte einfahren. Ulrich Graf von Hardenberg bewältigt die ganze Arbeit mit zwei
Mitarbeitern. Nur zu Stoßzeiten holt er sich Hilfe. Die Landwirtschaft ist sein
Leben. „Bleibt beständig“ – der Spruch der Hardenbergs, der in französischer
Sprache im Gittertor zum Gewölbe steht, hat sich auch auf das Ehepaar von
Hardenberg festgeschrieben. Sie lieben ihr Land, das stattliche Gutshaus, den
Park und alles, was zum Gut gehört, und können sich gar nicht vorstellen,
woanders zu leben. Vor 30 Jahren zog Graf Hardenberg als junger Landwirt nach Schwicheldt.
Das 1708 erbaute Gutshaus war heruntergekommen. Wenigstens existierten noch die
schönen alten Eisenplatten in den Kaminen und die Stuckverzierungen in den
hohen Räumen. Natürlich lagen die Leitungen wie Kraut und Rüben über Putz,
das alte Eichenparkett hatte gelitten, die sanitären Anlagen waren in einem
desolaten Zustand, die Fensterrahmen zerfressen und die Sandsteinplatten, die
die Außenwände verkleideten, zerbrochen oder abgefallen. Als Ulrike nach Schwicheldt
kam – sie hatte ihren Mann durch die Freundschaft zwischen beiden Elternhäusern
kennen gelernt – waren die schlimmsten Schäden schon beseitigt. Schritt für
Schritt, Zimmer für Zimmer ging die Feinarbeit weiter. Auch heute noch erfreut
sich Ulrike von Hardenberg immer wieder an den klassischen Proportionen der Räume,
an der klar gegliederten Architektur. In der Eingangshalle zeigt sie auf die
drei auffallenden plastischen Männerköpfe. Vom Querbalken der Türrahmen, die
mit Stuckgirlanden verziert sind, schauen sie fast warnend auf den Betrachter.
Frau von Hardenbergs Blick fällt auf einen Barockschrank. Behutsam streicht sie
über das Furnier und meint, dass dieses Möbelstück auch einmal in ihre
Werkstatt müsste. Aber bevor es eine eigene Werkstatt geben konnte, standen
ganz andere Aufgaben vor ihr. Zwei Söhne und eine Tochter wurden geboren und
großgezogen. Weil sie eine Frau war, wollten die Männer nicht mit ihr über
Getreidepreise verhandeln. Sie wollte und musste sich durchsetzen, damit der
Gutsbetrieb lief. Ihr Mann hat ihr dabei den Rücken gestärkt. Nach und nach
wurden Orangerie, Schlachterei und Gemeinschaftsküche zu Wohnungen umgebaut und
vermietet. Das Kellergewölbe erhielt einen neuen Putz. Heizung, Bar und Spülküche
kamen. „Ohne Werbung“, sagt Gräfin Hardenberg, „hat es sich
herumgesprochen, dass man die Räumlichkeiten mieten und hier Hochzeiten,
Geburtstage oder Taufen feiern kann.“ Dann hat Ulrike von Hardenberg es auch
geschafft, sich eine eigene Werkstatt im alten Kuhstall einzurichten. Die drei
Kinder, die heute in München, Hamburg und Leipzig studieren, waren fast flügge,
da wollte sie das Restaurieren von alten Möbeln lernen. Jeden Tag die Fahrt
nach Hannover. Wie ein Lehrling üben. Abbeizen, grundieren, polieren. Mit dem
Werkstattleiter und Diplomrestaurator, der ihr alle Feinheiten beibrachte, hat
sie sich später selbständig gemacht. „Wir sind ein gutes Team und arbeiten
nach alter Handwerkstradition im Sinne des Originals. Poliert wird wie in früheren
Zeiten! Dass wir mit einem guten Raumausstatter und einem Polsterer
zusammenarbeiten, empfinden unsere Kunden als besonders angenehm.“ Ulrike von
Hardenberg kann über Auftragsmangel nicht klagen. Gerade hat wieder ein neuer
Akt auf Schwicheldt begonnen. Diesmal gilt er dem
weitläufigen Park, in dem vor drei Jahren Gott sei Dank die seltene Federbuche
und Federlinde einen fürchterlichen Sturm überlebten. Andere mächtige Bäume
wurden entwurzelt. Einer zerschlug sogar das schmiedeeiserne Geländer der
Terrasse. Die Hardenbergs haben das schreckliche Unwetter auch als Chance für
einen Neuanfang verstanden. Jetzt entsteht ein barocker Küchengarten an einer
Hausseite. Die Buchsbaumumrandung ist bereits tüchtig eingeschlämmt. Kräuter,
Blumen, Rosen und Sträucher werden darin wachsen, blühen und gedeihen. Die Gräfin
denkt manchmal an Bodo von Oberg, der das heutige Herrenhaus erbauen ließ. Das
zweigeschossige, mit Schiefer und Sandsteinplatten behängte Fachwerkhaus ist
sieben Fensterachsen breit und mit fünf Fensterachsen fast ebenso tief. Die
Tiefe erlaubte es dem Bauherrn, im Anschluss an das Entrée einen schönen
Gartensaal einzurichten. Zu Bodos Zeit hatten die Räume zum Teil eiserne Öfen
mit Porzellanaufsätzen. An den Wänden hingen Gemälde – die vier damals
bekannten Kontinente – und Wirkteppiche. Vom Gartensaal aus gelangt man auf
die Terrasse, von der Bodo schon damals seinem Gartentraum freien Lauf ließ.
Einzelne Quartiere waren mit Holzplanken eingefriedet, in denen beispielsweise
auch Zwergbäume standen. Auch andere Obergs zeigten gestalterischen Elan.
Benedikt Wilhelm beispielsweise baute 1782 das reizvolle Torhaus, legte einen
Teich an und pflanzte eine Allee. Eine doppelläufige Treppe führt in den Park.
Azurblauer Himmel wölbt sich über dem grünen Wasser des neu angelegten
Teiches. „Bald blühen hier Seerosen, und auf der Wasserfläche spiegelt sich
ein kleiner weißer Pavillon. Schöne Pflanzen werden die Blicke fesseln.“
Auch Gräfin Hardenberg träumt von ihrem kleinen Sanssouci. Und damit das
Wirklichkeit wird, macht sich das Ehepaar voller Elan und Zuversicht an die
schwere Gartenarbeit. Sie wollen ihren Kindern etwas hinterlassen, für das sich
weiterer Einsatz lohnt. Wenn sich auch keines der Kinder bisher für die
Landwirtschaft entschieden hat, sieht das Ulrich Graf von Hardenberg nicht
weiter tragisch. Hier könnte man beispielsweise auch als Jurist arbeiten und
einen Verwalter einsetzen, meint er ganz pragmatisch. Die kleine Schwester
sollte den Verwalter heiraten, sagen die Söhne mit einem kleinen Augenzwinkern.
Auch wenn die Kinder jetzt in alle Winde verstreut sind, sie kommen immer gern
zurück. Die Freiheit, in der sie aufgewachsen sind, hat sie geprägt. Daran
haben die Hardenbergs keinen Zweifel. Bleibt nachzutragen, dass noch eine Reihe
von Vier- und Zweibeinern Gut Schwicheldt bevölkern.
Ein paar Schweine müssen sich für die Hausschlachterei opfern, Heidschnucken
dienen als Rasenmäher, ein arthrosekrankes Pferd wird liebevoll gepflegt,
Tauben versammeln sich am Schlag, aus der Flugentenzucht der Hausherrin fällt
gelegentlich ein Weihnachtsbraten an, und die drei Gutshunde genießen die täglichen
Streicheleinheiten.
*Quelle: www.gruetter.de nobilis_0600_s80
